Ohrringe und Brillen

  • Oder: Warum nicht jedes Statement gleichzeitig funktionieren muss.

    Die Kombination von großen Ohrringen und Brillen – seit Jahrzehnten diskutiert, nie verschwunden. Zwei Statements im Gesicht, zwei Linien der Aufmerksamkeit. Der sogenannte Christbaum-Vergleich geistert schon ewig herum. Zu viel Glitzer, zu viele Blickpunkte – man weiß gar nicht, wohin man schauen soll. Und trotzdem: Seit Designerbrillen nicht mehr bloß Sehhilfen, sondern Modeobjekte sind, wird diese Regel zunehmend ignoriert. Frauen – und manchmal auch Männer – setzen selbstbewusst auf Kombinationen, die früher als „zu viel“ galten. Spannend wird’s fürs Auge, wenn das Ensemble aus Brille, Ohrringen und Lippenfarbe zu einem visuellen Flipperspiel wird. Chaos, Reizüberflutung.

    Und ja, darin liegt eine Form von Freiheit: das bewusste Spiel mit more-is-more, Eigenwilligkeit und Überlagerung.

    Theorie. Dann kam die Praxis.

    Frust.
    Ich erinnere mich sehr genau an diesen Moment. Ich war Mitte zwanzig, komplett angezogen, fertig gemacht für eine coole Party, Schuhe an, Lederjacke übergeworfen, die Tasche schon in der Hand. Eigentlich bereit, loszugehen. Und dann stand ich plötzlich wieder vor dem Spiegel im Schlafzimmer. Nicht aus Eitelkeit – sondern aus Notwendigkeit.
    Die Frage war banal und gleichzeitig super ärgerlich: Brauche ich die Brille wirklich?
    Die Antwort war klar. Ja.
    Und damit war auch klar: Die tollen asymmetrischen Furla-Ohrringe mussten weg.

    Ich war frustriert, weil ich merkte, dass ich – um meinem eigenen ästhetischen Anspruch zu genügen – eine Entscheidung treffen musste. Nicht zwischen zwei Looks, sondern zwischen zwei Bildern von mir selbst. Die Brille war keine Option, sondern Voraussetzung. Die Ohrringe dagegen Ausdruck. Und Ausdruck verliert erstaunlich schnell, wenn Funktion den Raum betritt.

    Fast zwanzig Jahre später weiß ich: Dieser Moment war kein Einzelfall. Auch heute müsste etwas weg. Auch heute gibt es dieses Entweder-oder. Der Unterschied ist nur: Ich denke es von vornherein mit. Und ich akzeptiere, dass Fokus bedeutet, sich festzulegen. Nicht, um Frust zu vermeiden – sondern um Klarheit zu gewinnen.

    Ein lieber Freund hat einmal gesagt: „Wennst a coole Sau bist, kannst alls tragen.“
    Und ja – es gibt Menschen, die größer sind als jede Regel. Iris Apfel war so eine. Bei ihr ging es nie um Harmonie, sondern um Haltung. Für mich ist das kein Gegenbeweis, sondern ein Kontrast.

    Wenn alles gleichzeitig um Aufmerksamkeit konkurriert, bleibt der Blick nirgends. Präsenz verliert ihre Schärfe.
    Deshalb entscheide ich mich. Für Fokus statt Überladung. Für Klarheit statt Effekt.

    Ohrringe und Brillen sind für mich – bei brancisc – kein Statement-Duo, sondern eine Frage der Kuration. Stil entsteht dort, wo nicht alles gezeigt wird, was möglich wäre – sondern bewusst ausgewählt wird.