Ode an den Rollkragenpullover

KI-erstelltes Bild
  • Oder: Ein guter Kollege von Oktober bis März

    Es ist Oktober, und ich freue mich, dass ich meine Rollkragenpullover tragen kann. Ja, ich feiere die Rollkragensaison — von Oktober bis März, wenn ich zwangsläufig eine Pause einlegen muss. Ich habe sie in verschiedenen Farben und Materialien, am liebsten aus feinem Merino, und ich könnte den größten Teil des Winters darin verbringen.

    Was ich am Rollkragen so liebe, ist zuerst einmal seine Form. Eine geschlossene Fläche, klare Silhouette, keine Knöpfe, kein Revers, kein Ausschnitt. Die Linie vom Oberkörper zum Hals wird nicht unterbrochen. Ich mag den Kragen eng anliegend, aber nicht würgend, aus einem Material, das sich angenehm anschmiegt. Eine zweite Haut, im besten Sinn.

    Es lauern allerdings auch modische Falltüren. Ein schlechter Rollkragen ist eine wirklich unerfreuliche Sache. Vor allem, wenn der Kragen irgendwo zwischen Hals und Kinn herumlungert, dann hat er seinen Job nicht verstanden. Schlecht ist auch Feinstrick, der nach wenigen Wäschen jede Kontur verliert.

    Gerade weil ich Rollkragen so gern trage, schaue ich da genau hin. Wie ist das Material? Wie sitzt der Kragen, wie die Schulternaht? Welche Silhouette zeichnet er? Entstehen Falten durch zu viel Zug oder schoppt sich der Stoff irgendwo zusammen? Bei einem Kleidungsstück mit so wenigen gestalterischen Elementen fällt jedes einzelne stärker ins Gewicht.

    Ich trage Rollkragenpullover nicht nur ausgesprochen gern, ich liebe sie auch an anderen Menschen. Ein gut sitzender Rollkragen ist einfach unglaublich kleidsam. Und darüber freue ich mich, auch wenn ich mit dem Menschen, der ihn trägt, überhaupt nichts zu tun habe. Andere Menschen freuen sich über einen gepflegten Garten oder eine schöne Fassade. Ich freue mich eben über einen tollen Rollkragen.

    Immer wieder begegnet uns der Rollkragen bei Menschen, denen wir besondere Gedanken und Ideen zutrauen. Audrey Hepburn in Funny Face, Steve Jobs bei seinen Produktpräsentationen, zum Beispiel. Natürlich macht ein Rollkragen niemanden klüger. Ich gebe aber zu, dass mir seine intellektuelle Aura nicht unsympathisch ist.

    Der Rollkragen ist quasi der Roger Federer der Kleidungsstücke: Er brilliert in jeder Gesellschaft. (Now you´re overdoing it, Kate.) Unter einem Blazer wirkt er sachlich, zu einer Jeans fast beiläufig, mit einem langen Rock ausgesprochen elegant. Dabei verändert sich der Rollkragen selbst nicht. Er bleibt eine geschlossene Stofffläche mit einem Kragen. Was sich verändert, ist alles rundherum. Das gefällt mir besonders an ihm. Große Brillen, aufwändige Frisuren, dramatisches Make-up, opulenter Schmuck – der Rollkragen verträgt einiges. Ich persönlich trage ihn allerdings am liebsten ohne viel Drumherum. It has nothing to prove.

    Langweilig werden mir Rollkragen jedenfalls nie. Ich sehe sie einfach zu gern an Menschen. Und manchmal begegnet mir jemand auf der Straße oder im Café, dem sein Rollkragen so gut steht, dass ich mich noch Stunden später darüber freue.