Die Sanduhr-Lüge

  • Oder: Warum ich nichts von Modeberatung nach Körpertypen halte

    Man sprach von Sanduhren, Äpfeln, Birnen, Dreiecken, Rechtecken – als wäre der weibliche Körper ein geometrisches Problem. Angeblich, um Frauen das Leben leichter zu machen. Realistisch betrachtet: um sie präziser zu sortieren. Damit sie verstehen, „was ihnen steht“. Oh, honestly!

    Ich erinnere mich an das Gefühl, eingeordnet zu werden, noch bevor jemand Maß genommen hatte.

    Ich war Teenager in den späten Neunzigern. Das Jahrzehnt der Hüftjeans und Crop Tops – der Zeit, in der Victoria Beckham im Fernsehen gewogen wurde. Ein Kilo zu viel – ein Charakterproblem. Wer nicht in die Schablone passte, galt als „lost cause“. Eine (meine) – schreckliche – Diagnose? „Sanduhr.“

    Und ich war nicht einmal eine ganze, sondern eine mit wenig Brustumfang. Unzulänglich, unförmig, irgendwie falsch skizziert.

    Meine Freundinnen mit athletischen Figuren – ein Code für „alles dort, wo es sein soll“ – sagten aufmunternd: „Hey, das ist doch sooo weiblich! Denk an Marilyn. Oder Pamela Anderson. Die Männer lieben das!“

    Nur: Marilyn war blond – und leider lange tot. Pamela war blond, gebräunt und durchtrainierter als die Jungs in meiner Clique. Ich dagegen: kuschelig und brünett, ohne jegliche Wasserstoff- und Fitness-Center-Ambitionen.

    Ein paar Jahre später – ich hatte die Zeit der niedrigen Jeans und hohen Ansprüche überlebt – saß ich im Textildesign-Studium. Unsere Lektorin in Schnittgestaltung war eine Frau der alten Schule. Präzise, herzlich, very outspoken. „Oh, du hast aber lange Beine“ (nicht ich). „Oh, du hast aber gerade Schultern“ (nicht ich). Und schließlich: „Ah – zwei Größen Unterschied zwischen Taille und Hüfte, kurze Beine – du findest sicher nie Hosen, stimmt’s?“ (Ich. Und ja, es stimmte.)
    Das finale Kompliment: „Aber du hast eine tolle Dirndlfigur!“
    Das war 2007. Ein Dirndl hätte da als Statement durchgehen können. Aber als Lebensuniform? Thanks, but no thanks.

    Heute kann ich darüber lächeln. Damals war es einfach mühsam. Diese beiläufigen Kommentare, die sich zwischen Maßband und Meinung einnisten. Ich trug sie wie ein unsichtbares Etikett: „zu kurz hier, zu viel dort.“ Und jedes Mal, wenn ich von „Körpertypen“ lese, spüre ich, wie wenig ich davon halte.

    Gute Mode braucht Typen – nicht Typologien. Sie interessiert sich für Menschen, für Bewegung, Haltung und Temperament. Ein guter Schnitt kann betonen – ja. Aber er kann auch verwandeln, befreien, Raum greifen. Man kann Linien zeichnen, wo man sie möchte. Volumen schaffen, wo man sich Stärke wünscht.
    Ich habe gelernt: Eine Gegenposition zur Norm ist nicht immer Rebellion – sondern manchmal der beste Weg präsent zu werden. Selbst eine Ikone wie Vivienne Westwood, die das Dirndl einmal als ultimative Lösung pries, hätte es keine Woche ausgehalten, sich wirklich daran zu halten. Nicht aus Widerspruch – sondern aus Langeweile.

    Ich bin der festen Meinung: Man kann alles ignorieren, was zu regulierend oder zu sehr „Typberatung“ ist. Denn ich bin überzeugt: Mode ist kein Maßnehmen am Körper – sondern am Leben.

    Der Trick? Die Garderobe zu kuratieren, statt sich selbst zu korrigieren.

    Mode entsteht dort, wo wir uns nicht anpassen, sondern antworten.

    Genau dort wird es brancisc.