
Oder: Eine Frage der Verhältnisse
Ich bin sehr individualistisch. Wenn sich allerdings jemand nicht ordentlich in einer Schlange anstellt, sehe ich rot.
Ich liebe Fine Dining. Aber ein Bosna ist ein Wahnsinn!
Ich suche geschmackvolle Ferienwohnungen in hübschen Dörfchen aus. Auf der Fahrt dorthin mache ich kurz neben der Straße Pipi, wenn es dringend ist.
Das sind jetzt so keine Widersprüche, die mich besonders beschäftigen.
Ich erinnere mich an den Moment, als mir das Wort Entropie zum ersten Mal wirklich hängen geblieben ist. Nicht im Physikunterricht, sondern viel später, im Radio auf Ö1. Irgendwo zwischen zu vielen offenen Tabs, halbfertigen Ideen und diesem Gefühl, dass nichts so richtig zusammenpasst.
Und gleichzeitig alles da ist.
Sehr vereinfacht gesagt beschreibt Entropie eine Tendenz: Ein geordneter Zustand ist nur eine von sehr vielen Möglichkeiten. Ein aufgeräumter Schreibtisch hat ziemlich wenige Möglichkeiten auszusehen. Ein unaufgeräumter sehr viele.
Wir unternehmen viel, um unsere Umgebung übersichtlich zu halten. Und aus uns selbst eine möglichst übersichtliche Angelegenheit zu machen. Drei Eigenschaften, die uns beschreiben. Ein Persönlichkeitstyp. Ein Farbtyp. Ein Figurtyp. Ein Stiltyp. Ein roter Faden im Lebenslauf. Am besten eine kurze Antwort auf die Frage, wer man eigentlich ist.
Nur sprechen wir von einem Menschen, keinem Schneebesen.
Wenn man mich morgens, nachmittags und abends jeweils nach drei Eigenschaften fragen würde, kämen neun verschiedene heraus – und alle wären wahr.
Das Problem beginnt für mich dort, wo aus einer Beschreibung eine Begrenzung wird. Ich bin halt so. Das bin einfach nicht ich.
Ich musste zum Beispiel irgendwann feststellen, dass eine Softshelljacke am Berg tatsächlich ihre Berechtigung hat. Das war ästhetisch keine besonders erfreuliche Erkenntnis. Aber eine nützliche.
Über eine Kundin hatte einmal jemand gesagt: „Bei dir ist es entweder Business. Oder Piratin.“ Bisher hatte sie beides eher getrennt. Meine erste Frage war: Warum eigentlich oder?
In der Mode zeigt sich diese Gleichzeitigkeit besonders schön, spätestens seit der Jahrtausendwende ist sie unübersehbar. Die Jahrzehnte lösen einander nicht mehr ordentlich ab. Die Fünfziger, Sechziger, Siebziger, Achtziger und Neunziger sind nicht vorbei und weg. Sie tauchen auf, verschwinden wieder ein bisschen, werden neu kombiniert, anders proportioniert, anders gewichtet. Y2K ist wieder da. Die Siebziger habe ich zwar beim ersten Mal nicht erlebt, dafür aber seit 1993 gefühlt alle drei bis sieben Jahre.
Es pulsiert.
Und das Neue entsteht aus dem Material, das eben zur Verfügung steht.
Mich erinnert das an ein Mosaik. Die Steine müssen nicht neu erfunden werden, damit daraus ein eigenes Bild entsteht. Und sie müssen schon gar nicht alle gleich aussehen. Einer setzt Blau neben Gelb. Eine andere bleibt fast vollständig innerhalb einer Farbfamilie. Und manchmal ist es ausgerechnet der Stein, der aus der Reihe fällt, der das Wow macht.
Ich kann auswählen. Weglassen. Gewichten. Ein Verhältnis herstellen. Ich kann heute etwas anders zusammensetzen als vor zehn Jahren. Und ich kann einen Stein entdecken, von dem ich lange überzeugt war, dass er in meinem Bild überhaupt nichts verloren hat. Siehe Softshelljacke.
Genau deshalb ist mir die Entropie hängen geblieben.
Wenn es sowieso nicht weniger wird, kann ich aufhören, dagegen „anzuräumen“. Stattdessen kann ich einen guten Deal damit finden. Und dazu muss ich nicht vorher einen Teil von mir aussortieren und entsorgen, damit der Rest endlich eine „ordentliche“ Geschichte ergibt. Ich muss auch zwischen Business und Piratin keinen Kompromiss finden. Nur herausfinden, welches Gewicht ich ihnen gebe.
Und am Ende ist es ein bisschen wie beim Mosaik: Man kann sich drüber ärgern, dass die Steine unterschiedliche Formen und Farben haben. Oder anfangen, ein Bild daraus zu machen.
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