Die schlichte schwarze Hose

  • Oder: Wenn Angemessenheit uns verschwinden lässt

    Neulich im Musiktheater. Noch bevor ich in den Saal gehe, sehe ich die Wartenden: Ehepaare, Freundinnen, kleine Cliquen. Ich bin dank einer lieben Freundin da, die im Haus arbeitet – ein Glück, das mir nicht nur gute Karten, sondern auch kleine Einblicke in eine andere Welt verschafft.

    Was ich sehe, wenn ich mich umschaue: Damen in schwarzen Hosen. Gerade geschnitten, manchmal etwas weiter, kombiniert mit einer Bluse oder einem Blazer. Ein Bild gepflegter Zurückhaltung. Unten lugen Pumps hervor – im besten Fall elegant, im häufigeren Fall praktisch. Ich nenne solche Modelle liebevoll plumps.

    Diese Kleidung wirkt ruhig, bedacht, fast ritualisiert. Sie erzählt von Menschen, die wissen, was sich gehört – von einem Respekt vor dem Anlass, der in unserer Zeit fast nostalgisch wirkt. Ich schätze das, und trotzdem frage ich mich, ob diese Form von Sicherheit – dieses „nicht auffallen wollen“ – nicht manchmal auch den Genuss dämpft, den man sich doch so schön zurechtgelegt hat.

    Auch meine Mama macht es. Für den Theaterabend gibt es da ihren verlässlichen Look: der gemusterte, „zeitlose“ Blazer (nicht ganz meine Meinung) und natürlich die schwarze Hose – in der Stoffvariante, die zur Jahreszeit gehört. Ich sehe sie darin und weiß: Sie fühlt sich wohl. Es ist ihr vertraut, ihr sicherer Rahmen.

    Mir kommt oft vor, dass viele Frauen so denken: Sie sehen im Geschäft ein Top, eine Bluse, einen Blazer, ein Stück das gefällt – vielleicht gemustert, ein bisschen „auffällig“ (nicht in meiner Welt, aber hey) – und dann heißt es: „Da braucht es was Ruhiges. Ach super, die schwarze Hose, die passt ja schließlich überall dazu!“ Und zack – ist das Besondere wieder eingefangen, gezähmt, in den sicheren Rahmen zurückgeschoben.

    Man könnte sagen, es ist ein Sicherheitslook – nicht zu verwechseln mit einem Powerlook, in dem man sich sicher und stark fühlt. Der Sicherheitslook wirkt anders: Er schützt, indem er verschwinden lässt. Sein Ziel ist es, mit dem Hintergrund zu verschmelzen, gerade so, als wäre Sichtbarkeit etwas Ungehöriges. Vor 30, vielleicht 40, Jahren war genau das die Haltung, die eine Frau auszeichnen sollte: angepasst, dezent, „angemessen“. Ich verstehe, woher das kommt. Wirklich. Und doch konnte ich mich nie ganz mit der  Idee anfreunden, dass Unauffälligkeit ein Zeichen von Klasse sein soll.

    In meiner Erfahrung kann gerade das bewusste Anderssein eine Form von Selfcare sein. Farbe, die leuchtet. Stoff, der raschelt. Schnittführung, die das Auge verweilen lässt. Nicht, um aufzufallen – sondern um präsent zu sein.