Funktionskleidung

  • Oder: Vom Vergnügen am Unterschied.

    Ich bin in Tirol aufgewachsen. In einem damals 3.500-Seelen-Dorf. In Tirol lebt man in, auf und mit den Bergen. Das ist ein Klischee – und es stimmt zu hundert Prozent.
    Heute, mit 43, stelle ich fest: Selbst jene Freunde von damals, die als Jugendliche standhaft Sport verweigerten, besitzen mittlerweile nicht nur Mountainbikes, sondern benutzen sie auch. Dasselbe gilt für Tourenski – what?!

    Meine zwanzig Jahre in Tirol erlauben mir jedenfalls, eine fundierte Meinung zur Handhabung von Funktionskleidung zu haben.

    Funktionskleidung hat – who would have thought – eine Funktion. Diese liegt allerdings nicht primär darin, uns in Cafés, Büros oder Restaurants zu begleiten, sondern uns bei Wind, Wetter und sonstigen Widrigkeiten zu schützen.

    Wenn ich nun in Innsbruck (oder, ehrlich gesagt, oft auch in Linz oder Wien) an der Garderobe eines Restaurants meinen Mantel aufhänge und dort zur Hälfte Funktionsjacken entdecke, frage ich mich unweigerlich: Kamen all diese Menschen gerade von 2.000 Höhenmetern herunter gewandert?

    Natürlich nicht. Warum also tragen so viele Menschen Kleidung, die sie theoretisch für eine Gletscherüberquerung ausrüsten würde – während sie praktisch vom Auto bis zum Kaffeehaus spazieren?
    Gut. Die Vorteile liegen auf der Hand. Wenn auf dem Weg zur Bushaltestelle Nieselregen einsetzt, ist man mit der Softshelljacke klar im Vorteil, während mein Tweedblazer eiskalt und fünf Kilo schwer an mir herabhängt.
    Sollten alle Züge ausfallen und ich sieben Kilometer zu Fuß gehen müssen: perfekt. Hier wären die Wanderschuhe den Kittenheels jedenfalls vorzuziehen gewesen.

    Mit Gorpcore gibt es längst eine ganze Ästhetik, die Funktion und Fashion zusammenbringt. Und natürlich kann eine Funktionsjacke gut aussehen.
    Darum geht es mir aber gar nicht. Mich stört nicht, dass Funktionskleidung praktisch ist. Sie ist sogar außerordentlich praktisch. Das ist ja ihr Job.
    Mich stört, wenn „praktisch“ das einzige Argument wird.

    Denn dann sieht die kleine Wanderung am Nachmittag irgendwann genauso aus wie das Abendessen am Abend. Und das finde ich schade.

    Ich mag es, mich für ein Abendessen anders anzuziehen. Den schweren Wollmantel statt der Funktionsjacke. Einen guten Schnitt. Ein Gewebe, das seit Generationen fast genauso hergestellt wird.

    Nicht weil mein Mantel objektiv mehr kann als eine Funktionsjacke. Er kann nämlich deutlich weniger. Bei Regen wird er nass und schwer. Keine Angabe zu Wassersäule. Und für eine spontane Gletscherüberquerung ist er eine ausgesprochen schlechte Wahl.
    Aber er kann einem Abend einen eigenen Geschmack geben. Kleidung kann einen Unterschied machen zwischen einem Dienstagvormittag und einem Abend, auf den ich mich gefreut habe. Zwischen „schnell noch zum Spar“ und „ausgehen“. Zwischen praktisch angezogen und schön angezogen.

    Natürlich kann ich in der Jeans in die Staatsoper gehen. Die Sängerin singt deshalb keinen Ton schlechter. Ich könnte auch in Wanderschuhen essen gehen. Das Essen schmeckt – eigentlich – deswegen nicht anders.
    Aber warum sollte ich mir freiwillig eine Möglichkeit nehmen, einen Moment besonders zu machen?

    Und ja: Was jemand anderer anzieht, ist mir eigentlich eh wurscht. Du kannst selbstverständlich in Deiner Softshelljacke neben mir ins Restaurant gehen.
    Du schaust halt weit nicht so gut aus, wie Du könntest.

    Und Du nimmst Dir selbst die Möglichkeit, Dich für diesen Abend anders zu fühlen als am Samstagnachmittag im September bei der Brettljause auf der Alpenvereinshütte.

    Ich mag es, wenn nicht jeder Moment aussieht wie jeder andere.