
Oder: Wie persönlich ist persönlicher Geschmack?
Alle paar Jahre erfindet die Mode die „Zeitlosigkeit“ neu. Und komischerweise sieht sie jedes Mal anders aus. Wie geht das?
Letztes mal hieß sie ,Quiet Luxury’. Gute Materialien, perfekte Schnitte, dezente Farben, wenig sichtbare Logos. Kleidung, die den Eindruck erwecken soll, sie habe mit Mode gar nicht viel zu tun.
Und das ist natürlich das Lustige daran.
Denn kaum hatte sich die Welt darauf geeinigt, wie zeitlose Eleganz aussieht, sah man sie überall. Und was überall gleichzeitig auftaucht, hat meistens doch recht viel mit Mode zu tun. Man könnte sogar so weit gehen und es als ,Trend’ bezeichnen.
Zeitlos bedeutet eben nicht: außerhalb der Zeit. Auch unsere Vorstellung davon, was zeitlos aussieht, entsteht in einer bestimmten Zeit.
Im Sommer habe ich Ulrich Raulffs Wie es euch gefällt. Eine Geschichte des Geschmacks gelesen. Wie es bei mir so oft passiert, fand ich dieses Buch genau zur richtigen Zeit.Während ich über Geschmack las, musste ich natürlich ständig an meine Arbeit denken – und daran, wie selbstverständlich wir das, was uns gefällt, für etwas ganz Persönliches halten.
Quiet Luxury ist dafür ein schönes Beispiel. Mich interessiert weniger, ob man die Ästhetik toll oder langweilig findet. Mich interessiert: Viele Menschen hatten nicht einfach einen Trend für sich entdeckt. Gerade diese Ästhetik wurde oft als etwas sehr Persönliches erzählt. Als Klarheit. Als endlich gefundener eigener (!) Stil.
Und damit wird die Sache interessant.
Wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr vielen Menschen dasselbe gefällt – wie persönlich ist persönlicher Geschmack eigentlich?
Inzwischen hat Quiet Luxury seinen großen Moment hinter sich. Andere Silhouetten, Farben und Ideen schieben sich nach vorne. Und im Rückblick ist dieser Trend fast noch interessanter als auf dem Höhepunkt. Denn jetzt kann man langsam beobachten, was davon bleibt.
Es wird gern davon gesprochen, dass man den eigenen Stil „findet“. Als läge er irgendwo herum oder in uns versteckt und wartet nur darauf, endlich entdeckt zu werden. Das richtige Beige, die richtige Hosenform, der richtige Mantel – Endlich! Die Suche hat ein Ende und wir werden für immer glücklich sein.
Nur funktioniert Geschmack nicht so.
Montesquieu schrieb über den Geschmack, er sei „eine schnelle und ausgezeichnete Anwendung eben jener Regeln, die man nicht kennt“.
Mich fasziniert daran vor allem der letzte Teil: Regeln, die man nicht kennt. Denn diese Regeln entstehen nicht unabhängig von unserer Zeit. Selbst Montesquieu unterschied zwischen natürlichem und erworbenem Geschmack – zwei Formen, die einander verändern können.
Wir lernen beim Sehen — und zu Sehen —ohne immer zu bemerken, dass wir lernen.
Das lässt sich an Hosen wunderbar beobachten. Eine neue Hosenweite taucht auf und sieht zunächst vollkommen absurd aus. Zu weit. Zu eng. Zu kurz. Zu lang. Falsch jedenfalls. Ein Jahr später haben sich nicht nur die Hosen verändert. Die Jacken sind anders proportioniert, Mäntel haben eine andere Länge, Schuhe ein anderes Volumen. Auf einmal ergibt die Hose Sinn. Nicht, weil wir sie oft genug gesehen haben und irgendwann mürbe geworden sind. Sondern weil sich das ästhetische System um sie herum verändert hat.
Das Auge sieht keine Hosenröhre isoliert. Es sieht Proportionen. Und irgendwann sieht es andere Proportionen als noch vor fünf oder zehn Jahren.
Ich kenne das von mir selbst sehr gut. Meine Garderobe von 2015 würde heute anders aussehen. Trotzdem erkenne ich darin klar dieselbe Person. Meine Farbpalette hat sich kaum verändert. Ich mag klare Linien, englische Stoffe, architektonische Schnitte, Materialien mit Struktur. Mit mädchenhafter Verspieltheit konnte ich noch nie besonders viel anfangen.
Und dann sah ich letztes Jahr bei Chanel diesen Rock. Bodenlang, voluminös, über und über mit langen, bunten Fransen bedeckt. Eigentlich alles, was ich unter „verspielt“ verbuchen würde. Und ich fand ihn großartig.
Nicht, weil Chanel draufstand —ich könnte mir so einen Rock sowieso nie leisten. Es war das Design: die Proportion, die Farben, die Bewegung – und bei all dem Überfluss diese skulpturale Wirkung. Er passte durch meinen Filter!
Und genau an solchen Ereignissen merkt man, wie wenig ein eigener Stil mit einer Liste von Eigenschaften zu tun hat.
Klare Linien. Keine zu verspielten Sachen. Stimmt alles. Und dann kommt ein Rock daher, der dieser Regel auf den ersten Blick vollkommen widerspricht und trotzdem Sinn ergibt.
Der persönliche Filter ist eben keine Checkliste. Er entscheidet nicht: Fransen – nein. Navy – ja. Er erkennt Zusammenhänge. Proportion, Farbe, Material, Struktur, Wirkung. Und manchmal lässt er etwas durch, das man vorher ausgeschlossen hätte.
Das macht den eigenen Stil nicht weniger klar – im Gegenteil. Ein funktionierendes System darf sich mal widersprechen. Die Ausnahme bringt nicht gleich alles durcheinander. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger lässt sich eigener Stil für mich an bestimmten Kleidungsstücken oder sogar Stilrichtungen festmachen. Interessanter sind die Kriterien, nach denen wir auswählen.
Und dann hängt in meinem Kleiderschrank dieses Kleid von Koché. Teuer. Besonders. Im Moment trage ich es nicht.
Ich finde es nicht plötzlich hässlich. Ich erkenne schon noch, was mich daran angezogen hat. Ich mag noch immer, was dieses Kleid ausdrückt. Ich möchte es nur gerade nicht nach außen tragen.
An diesem Kleid wird meine Vorstellung vom „eigenen Stil“ endgültig kompliziert. Denn was hat sich verändert? Ich? Mein Leben? Die ästhetische Welt um mich herum?
Alles davon. Und ich kann nicht sicher sagen, wo das eine endet und das andere anfängt. Deshalb halte ich auch wenig von der Vorstellung, man müsse seinen Stil nur einmal finden und könne das Projekt danach gewissermaßen abhaken.
Eine Frau, die 2023 komplett in Quiet Luxury eingetaucht ist, kann darin etwas für sich entdeckt haben. Sie trägt den camelfarbenen Mantel auch noch in zehn Jahren. Oder die Loafer. Oder beige verschwindet, dafür bleibt ihre neue Liebe für gebürstete Wollstoffe. Sie verändert die Proportionen, nimmt etwas Neues dazu, lässt anderes wieder gehen.
Oder sie zieht 2027 etwas an, das mit ihrer Garderobe von 2023 kaum noch etwas gemeinsam hat. Auch das darf sein.
Quiet Luxury kann eine Modephase gewesen sein. Es kann genauso gut Material gewesen sein, an dem sich unser Stil weiterentwickelt hat.
Denn Mode begegnet uns ständig. Wir nehmen etwas auf, lehnen etwas ab, gewöhnen uns an neue Proportionen, entdecken Materialien, probieren etwas aus, behalten manches jahrelang und wundern uns bei anderem irgendwann, warum wir es je haben wollten.
So wie „zeitlos“ nicht bedeutet, außerhalb der Zeit zu stehen, entsteht auch unser eigener Stil nicht unabhängig von ihr. Er entsteht mitten in unserem Leben, aus dem, was uns begegnet und dem, was wir daraus machen.
Und er entsteht sicher nicht in unserem Inneren allein – auch wenn wir uns das gern als besonders individuelle Leistung anrechnen.
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