Die flotte Hausfrau

KI-bearbeitetes Bild
  • Oder: Wie aus Ordnung plötzlich Individualität werden musste

    Ich erinnere mich an die Auslagen in der Mariahilfer Straße. Bonita, Cecil, Gerry Weber. Hell ausgeleuchtet, ordentlich sortiert, nicht aufdringlich. Saubere Blusen. Hosen, die niemandem Rätsel aufgaben. Kleidung, die keinen großen Auftritt brauchte.

    Die Frauen, die dort einkauften, wirkten gepflegt, aufgeräumt, erwachsen. Es war Kleidung, die ihren Zweck erfüllte – und genau darin lag ihre Qualität. Ich fand das furchtbar. Ich war sechzehn.

    Heute verschwinden diese Marken nach und nach aus den Innenstädten. Man könnte sagen, der Geschmack habe sich verändert. Ich glaube, es ist komplizierter.

    Denn verschwunden ist nicht nur eine bestimmte Art von Kleidung. Verschwunden ist auch eine bestimmte Erwartung an Frauen.
    Früher genügte es, „ordentlich beieinander“ zu sein. Heute genügt ordentlich längst nicht mehr. Heute soll Kleidung Persönlichkeit zeigen.

    Und zwar möglichst mühelos. Hochwertig, aber nicht geschniegelt. Lässig, aber nicht nachlässig. Besonders, aber nicht exzentrisch. Nachhaltig. Zeitlos. Modern. Und natürlich immer genau passend. Und bitte so, als hätte man über all das gar nicht nachgedacht.

    Passend zum Anlass – das klingt einfacher, als es ist.

    Stell dir den Betriebsausflug vor.

    Treffpunkt sieben Uhr früh. Fünfzig Kolleg*innen im Bus. Ziel: ein schickes Bar-Restaurant an einem unserer schönen Seen. Man hat sich Mühe gegeben. Die neuen Sandalen angezogen. Schließlich werden Fotos gemacht.

    Der Bus fährt los.
    Nach einer halben Stunde sagt jemand aus der ersten Reihe:

    „Bevor wir essen, gehen wir natürlich noch ein kleines Stück am See spazieren.“
    Kleines Stück. Ein bemerkenswert dehnbarer Begriff.

    In diesem Moment teilt sich der Bus in drei Gruppen.

    Die erste trägt Sneakers und lehnt sich entspannt zurück.

    Die zweite schaut auf ihre hübschen Sandalen, öffnet möglichst unauffällig Google Maps und zoomt ans Seeufer.

    Die dritte lächelt still vor sich hin.
    Pocket-Ballerinas.

    Früher musste Kleidung vor allem ordentlich sein. Heute muss sie Möglichkeiten offenhalten. Vielleicht ist genau das der eigentliche Wandel. Wir haben mehr Freiheit. Aber wir haben auch deutlich mehr Entscheidungen zu treffen.

    Die flotte Hausfrau war vielleicht nie besonders aufregend. Aber sie musste auch nicht jeden Tag beweisen, dass sie einen individuellen Stil besitzt. Niemand erwartete, dass ihre Kleidung ihre Persönlichkeit voll zum Ausdruck bringt.

    Heute erwarten wir genau das. Von anderen. Und von uns selbst.

    Das Verrückte daran ist: Wir nennen das Freiheit. Und das ist es auch. Aber: Freiheit bedeutet eben nicht nur, wählen zu dürfen. Sie bedeutet auch, wählen zu müssen.

    Vielleicht erklärt das, warum so viele Frauen vor einem vollen Kleiderschrank stehen und trotzdem denken, sie hätten nichts anzuziehen.